Social Media im Unternehmen: Du kommst hier nicht rein

Sollen alle Mitarbeitenden eines Unternehmens an ihrem Arbeitsplatz Zugriff auf soziale Netzwerke haben – also auch jene, die nicht mit Social-Media-Aufgaben betraut sind? Diese Frage begleitet uns seit einigen Jahren. Vorübergehend hielt ich sie für beantwortet – ein Irrtum, wie sich zeigt. Warum ich trotzdem denke, dass «ja» die richtige Antwort ist.

Dieser Artikel wurde am 27. März 2017 bei tinkla.com erstmals veröffentlicht.

 

Neulich in einem E-Mail-Wechsel: «Der Link zu dem Facebook-Post, den du uns geschickt hast – kannst du einen Screenshot machen? Ausser dem Ferdinand [Name durch die Autorin geändert] hat bei uns keiner Zugriff drauf, die Social Media sind gesperrt.» Für einen Moment dachte ich mir: Oh, 2010 hat angerufen und möchte seine Social-Media-Policy zurück. Sind diese Sperren nicht längst Vergangenheit?

Ich stelle die Frage in einer Fachgruppe auf Facebook: «Kennt ihr noch Unternehmen, die Social Media für Mitarbeitende generell gesperrt haben?» Schnell zeigt sich, ich zitiere eine der erhaltenen Antworten: «Das ist noch lange nicht durch.» Und eine Folgefrage steht Patin für diesen Beitrag: «Spielt das eine Rolle? Privat schaut ja eh jeder via Smartphone drauf. Geschäftlich ist was anderes.» Meine persönliche Einschätzung: Ja, es spielt eine Rolle. Und: Ja, mach die Sperre weg, wenn du am Ruder bist. Weil:

1. Cheaters gonna cheat

Der beliebteste Einwand zuerst: «Meine Leute werden nicht dafür bezahlt, dass sie sich während der Arbeitszeit in den Social Media herumtreiben.» Vielleicht trifft das zu, ist aber unterm Strich egal. Wer nicht machen will, wofür er bezahlt ist, der findet Mittel und Wege. Wer dazu gerne Social Media nutzt, hat in der Regel ein Smartphone zur Hand. Ist zwar nicht so praktisch, das rasche Beantworten simpler Textnachrichten dauert so extra lang. Na jedenfalls: Theoretisch kann man natürlich die Nutzung privater Geräte verbieten. Darüber, wie aussichtsreich das in der Praxis ist, kann ich mir mangels persönlicher Erfahrung kein Urteil erlauben.

Interessanter wäre die Frage: Warum ist das so? Ist jemand über- oder unterfordert, ist Arbeit ungleich oder anderswie sonderbar verteilt, haben wir in Abteilung XY vielleicht ein grösseres Motivationsproblem, ist Herr oder Frau Z tatsächlich die falsche Person für unser Unternehmen? Auch selbstkritische Fragen sind angebracht: Welche Erwartungen und wieviel Vertrauen bringe ich diesen Menschen entgegen? Und welches Signal will ich an die Talente aussenden, die ich von mir und meinem Unternehmen überzeugen möchte?

2. Employee Advocacy – Mitarbeitende als Botschafter

Jede Arbeitgeberin, jeder Arbeitgeber profitiert gerne davon, dass Mitarbeitende Botschafterinnen und Botschafter für das Unternehmen sind. Mit dem breiteren Aufkommen von Social Media um 2008 herum wuchsen die Träume mancherorts in den Himmel: «Die können da auch klicken und das ihren Freunden erzählen, wie toll wir das alles machen hier.» Die damals verbreitete Erwartung, das könne man dann abends vom heimischen PC aus erledigen, weil man tagsüber nichts auf Facebook verloren habe, hat sich inzwischen verflüchtigt. Und damit oft auch der Blick für das Potenzial der Mitarbeitenden für die Unternehmenskommunikation.

Tatsächlich aber sprechen Menschen gerne darüber, womit sie ihre Zeit verbringen: Wenn man ihnen etwas zu erzählen gibt, sie befähigt und ihnen die entsprechenden Kompetenzen zugesteht. Die Freigabe der Plattformen ist noch keine Massnahme, sondern eine Grundvoraussetzung. Ob du dir nun ein Projekt für Social Selling, Agenda Setting oder Social Recruiting ausdenkst – wenn du deinen Leuten erst beibringen musst, dass sie handeln dürfen, fängst du besser heute als morgen an.

3. Social Engineering ist kein Social-Media-Problem

Auch häufig genannt: Sicherheitsbedenken. Die meisten Organisationen mit Sperren, die in meiner Umfrage genannt wurden, bewegen sich denn auch im Finanzbereich. Und spontan will man sagen: Ja, da könnte was dran sein. Mit einem Sicherheitsargument bringt man ohnehin in vielen Bereichen seine Anliegen am besten durch. Wer will schon gegen mehr Sicherheit votieren?

In diesem Fall gilt aber: Gefahren sind mit einer Sperre von Social Media nicht gebannt. Der grösste Teil potenzieller Angriffe ist nicht der klassische Hack, sondern Social Engineering: Jemand von aussen versucht, an Informationen zu kommen, die er oder sie zum eigenen Vorteil nutzen kann. Das kann man auf vielerlei Arten tun: via Social Media, per E-Mail, telefonisch – das alles übrigens durchaus auch ausserhalb der Arbeitszeit und auf einem privaten Gerät. Oder indem man eine halbe Stunde in der Eingangshalle herumhängt und Gespräche mithört. Auch hier gilt es, mittels Information und Befähigung die Sensibilität und Kompetenz der Mitarbeitenden zu erhöhen. Mittelfristig scheint mir das der aussichtsreichere Weg zu sein als ein Verbot einzelner Gefahrenpunkte.

 

Artikelbild: Jason Blackeye / Unsplash.com

Kategorien: Web

Leave a Reply

Your email address will not be published.

17 − 6 =